Die bürgerlichen Tugenden

Das Bürgertum, das aus dem dritten Stand in der Französischen Revolution hervorging, dann wieder in der Revolution von 1848 ins Rampenlicht der Geschichte trat und nun als der sogenannte Mittelstand einen Großteil unserer Bevölkerung stellt, wird immer mit den auch schon so genannten „bürgerlichen Tugenden“ verbunden. Diese Tugenden Fleiß und Sparsamkeit, Ordnung und Sauberkeit sind bei den Einen ebenso hoch angesehen wie sie den Anderen verhasst sind. Was steht überhaupt hinter diesen Begriffen?

Fleiß

Schon die vielen Sprichwörter, die einem zum Thema Fleiß einfallen, zeigen, dass dieser in unserer Gesellschaft einen wichtigen Platz hat oder aber auf jeden Fall hatte. Außerdem zeigen sie uns, dass der Fleiß oft mit bestimmten Berufsgruppen oder Nationalitäten in Verbindung gebracht wird. Sogar innerhalb einer Nation werden oft zwischen den einzelnen Landsmannschaften Unterschiede gemacht. So sind zum Beispiel in Deutschland die Schwaben als besonders arbeitsam angesehen oder – je nach Blickwinkel – verschrien. Jeder kennt das „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ oder die Antwort „Emmer viel Gschäft“ auf die Frage nach dem Wohlergehen. Es gibt kein größeres Lob, das eine Schwäbin bekommen kann, als „Die  schaffe!“ und ein Mann, der nicht regelmäßig zu seiner Arbeit geht, die nach Möglichkeit nicht nur geistiger Natur sein sollte, kommt in ungeahnter Schnelle in Verruf. So berichtet ja auch Otto Rombach, dass ihm die Tatsache, dass er mit eigener Hand regelmäßig den Rasen mähe, bei seinen Nachbarn größeren Respekt einbrächte als seine diversen Veröffentlichungen. Ihren Mann, den sie zum ersten Mal auf der Intensivstation nach einem missglückten Versuch, den Freitod herbeizuführen, besuchen durfte, begrüßte seine Frau mit den Worten: „Des tät dir so passe! Ennen Sarg neiliege on nix do!“

Nachdem der Fleiß aber allgemein im Schwabenländle ein solch großes Ansehen genießt, warum ist er denn dann bei manchen Menschen so in Verruf geraten? Viele sind sich einig, dass das faule Herumliegen der menschlichen Natur eher entgegenkommt, als das schweißtreibende Arbeiten, doch kann das Zurückschauen auf eine vollbrachte Tat auch sehr wohlige Gefühle auslösen. Dies wird also weniger der Grund sein, die Arbeit nicht fleißig zu erledigen, als der Protest gegen die fleißige, nur noch an die Arbeit denkende Elterngeneration und das Anpassen an die weniger fleißige Gruppe. Außerdem kann man bei dem faulsten Menschen Anwandlungen von Fleiß erleben, wenn er sich nur für das zu bewältigende Thema interessiert. Doch wird dieser selektive Fleiß nicht wirklich als Fleiß gewertet – nur jemand, der sich auch um die langweiligsten Dinge mit dem größten Eifer kümmert, ist wirklich fleißig.

Sparsamkeit

Die Sparsamkeit ist die nicht notwendige, aber doch häufig anzutreffende Ergänzung zum Fleiß. Ein sparsamer Mensch nimmt sich etwas von der Gegenwart, um in der Zukunft auch noch etwas zu haben, lebt also nicht einfach so in den Tag hinein. Dies ist unbestreitbar notwendig, doch das Problem bei der Sache ist, dass man von der sicheren Gegenwart, die man noch schöner gestalten könnte, etwas abzwackt, um in der Zukunft, die nie sicher ist, etwas zu haben. Nun kann diese Ersparnis durch Inflation, politische Instabilitäten oder gar Tod zunichte gemacht werden.

Ordnung

Man kann mehrere Arten von Ordnung unterscheiden. Zum einen ist das die persönliche Ordnung, die man wieder in die rein formale Ordnung im Zimmer und in die Ordnung, die man seinem Leben gibt, unterscheiden kann. Die gesellschaftliche Ordnund wird vom Staat aufrechterhalten – hier fallen einem Begriffe wie „law and order“ ein. Jede dieser Ordnungen aufrechtzuerhalten, ist nicht einfach – oft sind damit große Anstrengungen verbunden, jeder kennt das aus seinem Zimmer ebenso wie aus unserer Gesellschaft, wo die vom Staat angestellten Ordnungshüter diese Arbeit tun.

Wieso streben wir aber eine Ordnung an? Dass wir dies tun, ist meines Erachtens unbestreitbar. Zum einen ist es vielleicht sogar ein Trieb des Menschen, seine Angelegenheiten zu ordnen. Zum anderen ist es im häuslichen Bereich einfach die Erfahrung, dass man in einem unordentlichen Zimmer Stunden damit verbringen kann, etwas zu finden, was man noch fünf Minuten vorher in der Hand gehabt hat, besonders, wenn man es nun wirklich auf der Stelle braucht – jedenfalls geht mir das so. Da sich jeder ausrechnen kann, dass der Zeit- und damit Arbeitsaufwand, etwas im Chaos wiederzufinden, unvergleichlich größer ist, als die Mühen, die einem das Aufräumen bereitet, wird sich nach und nach überall eine Ordnung einführen. Ordnung zu halten, heißt ja nicht, dass alles in seinen Schubfächern liegt und man sonst im Zimmer nichts gerade nicht Benötigtes umherliegen sieht – Ordnung heißt einfach, dass alles seinen bestimmten Platz hat, welche auch Stapel auf dem Boden sein können, die aber Regeln unterworfen sind sich auch in absehbarer Zeit nicht ändern. So weiß jeder, dass man in einem unordentlich aussehenden Zimmer alles, was man braucht, mit einem Handgriff erreichen kann, während man nach einer meist von oben angeordneten Aufräumaktion einfach nichts mehr findet, obwohl es total ordentlich aussieht.

Ordnung kann aber nicht nur in den Schreibtischschubladen, sondern auch im Leben nützlich sein. Hier bedeutet Ordnung die rationale Durchgestaltung des Tagesablaufes, der Karriere und so weiter. Die Ordnung ist ein Regelwerk, das man nach vorheriger rationaler Überlegung in Hinsicht auf Wohlstand, Bequemlichkeit und Sicherheit festgelegt hat und die man versucht, als Lebensplan den Unvorhersehbarkeiten des Schicksals entgegenzustellen. Also ist Ordnung etwas sehr Individuelles? Dies stimmt für die persönliche, aber nicht für die gesellschaftliche Ordnung, in die man sich einfügen muss, wenn sie demokratisch festgelegt ist und nicht eigenen moralischen Überzeugungen widerspricht. In seinem Tagebuch schreibt Max Frisch, dass die Lösung des Problems der gesellschaftlichen Ordnung immer den Anfang der Kultur darstellte, die Kultur gewährleistete, wenn nicht in wesentlichen Graden sogar ausmachte, oder den Untergang einer Kultur verursachte.

Sauberkeit

Die Menschen haben zu unterschiedlichen Zeiten den Begriff der Sauberkeit sehr unterschiedlich wahrgenommen. So war noch vor nicht allzu langer Zeit das Ausleeren des Nachttopfes auf die Strasse und das Übertönen unfeiner Körperdüfte mit Puder, anstatt des Waschens, absolut selbstverständlich. Das mutet uns Heutige ekelig an. Was hat Pettenkofer in der Mitte des 19. Jahrhunderts für die Kanalisation der Städte kämpfen müssen, welche doch schon bei den Römern weit verbreitet war! Neben der äußerlichen Sauberkeit gibt es die Sauberkeit der Seele. Sie ist ein geistiger Prozess. Nach jüdischem und islamischem Glaubensverständnis sollte sie aber auch durch rituelle Waschungen hergestellt werden. Solche rituellen Waschungen, die hierzulande im späten Mittelalter gemäß den Vorschriften des Talmud die Juden praktizierten, bewahrten diese während Pestepidemien häufig auch vor der Erkrankung. Das wurde ihnen jedoch von der nichtjüdischen Bevölkerung übel angerechnet. Denn man vermutete, die Juden verfügten über sie schützende magische Kräfte. Verfolgung und Pogrome waren die Folge. – Heute ist körperliche Sauberkeit als eine Voraussetzung für den Umgang miteinander unumstritten und allgemein anerkannt.

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